WM-Special: Das Ende und ein Neuanfang?

Jetzt ist es passiert: Der Weltmeister ist raus! Ganz Fußball-Deutschland hat nach dem blamablen WM-Start und den Last-Minute-Sieg gegen Schweden schon das Ticket für’s Achtelfinale gebucht. Aber Pustekuchen. Bums aus, Mickey Maus.

Und jetzt geht im Erfolgsverwöhnten Fußball wieder die Ursachenfindung los oder genauer: es wird ein Schuldiger gesucht. Denn eine deutsche Mannschaft ist noch nie bei einer Weltmeisterschaft in der Vorrunde rausgeflogen. Dann kann es also nur an unseren Bundes-Jogi liegen. Aber ist das so?

Natürlich hätten wir 80 Millionen Hobby-Bundestrainer eine ganz andere Aufstellung gewählt. Auch ich muss sagen, dass Müller, Khedira, Gündogan und vor allem Özil mich nicht überzeugt haben und nicht hätten Spielen dürfen. Aber irgendwas müssen diese Jungs ja im Training gezeigt haben, dass Jogi vollstes Vertrauen hat. Aber der Schrei nach Sané und Wagner finde ich völlig überzogen. Leroy Sané ist in diesem Jahr 22 Jahre alt geworden und war zwar der beste Premier-League-Spieler der vergangenen Saison, dennoch konnte er bisher nicht an seine Leistungen in der Nationalmannschaft anknüpfen und ist damit, in meinen Augen und auch wenn er mal den Unterschied hätte machen können, zu Recht nicht bei der WM dabei gewesen. Und der Aufschrei nach Wagner geht sowieso nur größtenteils von den Bayernfans aus. “Bester deutscher Stürmer”, aber wo denn? Anfangs in Bayern, in Bremen und bei Hertha hat niemand nach Wagner geschrien, er wurde sogar als zu schlecht belächelt. Auch in Darmstadt, nach einer überragenden Saison, war er kein Thema in der N11 und auch der wechsel nach Hoffenheim hat ihn nicht besser und beliebter gemacht. Aber der Schritt nach Bayern war dann der Auslöser, dass er “unbedingt mit muss”! Ein schlechter Fußballer ist Wagner nicht, aber auch er hätte den Unterschied vermutlich nicht ausgemacht.

Der Mannschaft fehlte einfach ein Leader, der heiß ist und der bis an die Schmerzgrenze geht. So wie unser Schweini sich im Finale von Rio zerrissen hat! Der einzige, der wirklich Kampf und Spielfreude, sowie Einsatz und Bock auf die WM gezeigt hat, war Julian Brandt. Dieses Feuer hätte ich mir von allen Akteuren auf dem feld gewünscht. Daher ist aber jetzt die Möglichkeit einen Umbruch zu starten und den Kader auszumisten. Denn mit 7 Weltmeistern in der Startelf hat sich in den letzten 4 Jahren nicht grundsätzlich, sondern nur punktuell was geändert und dies war im Nachhinein zu wenig.

Damit das erfolgsverwöhnte Deutschland merkt, dass wir nicht jedes Turnier unter den besten 3 landen können und das wir nicht die alleinige Spitze im Fußball sind! Und positiv bleibt ja auch, dass man die Zeit nun wieder mit der Vorbereitung auf die neue Saison nutzen kann – was ja doch nicht passieren wird!

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WM Special: “Nätig” sein!

Hoppla – was war da den los? Es war schon ein kleiner Schock, der am letzten Sonntag durch Deutschland ging. 1:0 gegen Mexiko verloren. Und das zurecht! So hatten wir uns den Start in die WM aber nicht vorgestellt.

Vieles ist schon gesagt und analysiert worden. Ob es nun wirklich an der Kaderplanung lag, sei dahingestellt. Leroy Sane hätte wahrscheinlich das Ruder auch nicht herumgerissen. Es fehlte einfach insgesamt die Ordnung und die Struktur. Die rechte Seite mit Kimmich war sehr offensiv und dadurch hinten offen. Die linke Seite hingegen mit Plattenhardt hat nach vorne keine Impulse gebracht. Bleibt noch die Schaltzentrale auf der 6er Position. Hier haben wir ja mit Toni Kroos einen Weltklassespieler. Diese wurde aber durch eine klassische Kreisklassentaktik aus dem Spiel genommen. Man kann schon fast von Manndeckung sprechen, die die Mexikaner angewendet haben.

Sogleich musste ich an alte Jugendtage denken. Natürlich waren die Mannschaften in der damaligen Kreisliga nicht so ausgeglichen, aber jede Mannschaft hatte einen TOP-Spieler – einen Toni Kroos, der ein Spiel alleine entscheiden konnte. Daher galt auch damals der Grundsatz: Den besten Mann des Gegners kalt stellen. Also wurde der beinhärteste Mitspieler vom Trainer taktisch eingewiesen: „Der 10er von denen, das ist dein Mann. Den lässt du nie alleine. Und wenn der pinkeln geht, dann…!“ Na ja, ihr wisst schon. Hat aber meistens geklappt, wie auch bei den Mexikanern.

Eigentlich interessant: Die bestehenden Weltmeister mit Kreisliga-Taktik aushebeln. Nehmen wir den Gedanken mal auf und denken weiter. In so einer Situation wie jetzt kurz vor den Schweden-Spiel. Was hätte unser damaliger Trainer zu uns gesagt. Die Antwort ist mir sofort eingefallen. „Nätig sein!“ Dieser Satz stammt von Josef G., genannt Joop. Joop ist jüngerer Bruder eines bekannten Dörper Mäzens und war noch im hohen Alter aktiv – manchmal in der ersten Herren, aber meistens in der zweiten, denn da konnte er als Spielertrainer fungieren. Joop war ein sehr lauffreudiger, dynamischer, agiler Spielertyp, der keinem Zweikampf aus dem Wege ging. Auch, wenn er eher klein und schmächtig war. Er war griffig, gallig, aggressiv und immer voll im Spiel – nätig eben. Und das verlangte er stets von seiner Mannschaft: Nätig sein!

Ein gutes Erfolgsrezept, finde ich. Denn am letzten Sonntag war die deutsche Mannschaft alles andere als nätig. Sie waren lahm. Gerd Rubenbauer hätte es pomadig und lethargisch genannt. Das muss das Nationalteam abstellen. Ich weiß nicht, ob es das Wort „nätig“ auch im Freiburger Land gibt, in dem Jogi Löw zuhause ist? Aber vielleicht wäre es an der Zeit, dass Jogi „nätig“ in seinen Wortschatz aufnimmt. Dann klappt es sicher auch am Samstag gegen die Schweden.

 

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Aber bitte mit SANE

Heute schauen wir bei den 11 Thekenfreunden mal über den Tellerrand der Kreisklasse hinweg und widmen uns dem allgegenwärtigem Thema Nationalmannschaft.

Es war am Montag abend, kurz vor 18 Uhr. Mein Handy vibriert. Ich sitze noch im Meeting im Büro,  schaue nur aufs Display und sehe, dass Marcus anruft. Es muss etwas passiert sein – nichts schlimmes, aber etwas, das mit Fußball zu tun hat. Marcus ist ein langjähriger Freund aus hoch alkoholischen Studententagen und nebenbei ein bekannter Fußballgegner aus Jugendzeiten. Lange Zeit kickte Marcus beim SV Surwold und ordnete da zunächst das defensive Mittelfeld, später die Abwehrreihen. Keinesfalls der Typ Pferdelunge, dann schon eher mit Auge und viel Spielverstand. Dieser Spielverstand machte ihn auch zu einem guten Trainer und einem wahren Fußballanalysten.

Warum erzähle ich das alles? Nun, wenn Marcus anruft, geht es fußballerisch ans Eingemachte. Ich freute mich, denn schon lange hatten wir zwei nicht mehr über Fußball philosophiert. Das Thema des Anrufs war mir schnell klar. Daher rief ich eine Stunde später aus dem Auto zurück und meldete mich unter falschen Namen: „Leroy Sane?“ Treffer! Marcus legte gleich los. Aber im Gegensatz zu allen Stammtisch-Analysten und Kiosk-Philosophen hatte Marcus die Fakten auf seiner Seite. Die Argumente waren wie immer stichhaltig und mit Kickernoten zementiert. Leroy hätte mitfahren müssen, da waren wir uns beide einig. Aber das war ja noch nicht alles. Der Reihe nach sezierten wir den Kader von hinten nach vorne. Klar, der Manuel Neuer ist ein super Torwart, aber die Spielpraxis? Immer ein Thema, das weiß jeder, schon mal Ligafußball gespielt hat. Da rutscht die Pille schon mal vom Schlappen. Und dann noch die Argumentation, dass Spielpraxis zählt und Trapp deshalb nicht mitfährt. Seltsame Argumentation unseres Herrn Bundestrainers.

Die Abwehr war ansonsten schnell abgehakt. Nur auf den Außenpositionen fehlt es uns an Alternativen. Ginter ist es unserer Meinung nach nicht. Das defensive Mittelfeld ist dafür mehr als überbelegt. Gesetzt ist für uns nur einer: Marcus schwärmt wie schon vor 10 Jahren von Kroos. Er hat den Bayern nie verziehen, den jungen Toni damals nach Spanien ziehen zu lassen. Ein dicker Riss in der bajuwarischen Fanfassade. Marcus hadert seitdem mehr denn je mit dem Dasein als Bayernfan, aber zu Werder konnte ich ihn trotzdem nicht überreden. Ansonsten Kedhira, Gündogan undsoweiter – alles ok, aber viel Defensives.

Aber zurück zum defensiven Mittelfeld: Hier zeigt sich wieder mal, dass allein ein laufender Vertrag bei den Bayern die Eintrittskarte zu großen Turnieren ist. Wie sonst lässt sich die Nominierung von Sebastian Rudy erklären, der ja mehr oder weniger von Don Jupp aussortiert wurde. Offensiv könnte Jogi eigentlich aus dem Vollen schöpfen, aber das Volle erscheint Marcus und mir halbleer. Wir beide hoffen, dass Reus fit bleibt und malen uns aus, wie es wäre, dass Sane mit ihm zusammen brilliert. Aber nein! Passt nicht ins System. Wir verstehen es nicht und natürlich erweckt es den Eindruck, dass Jogi mehr auf die Typen schaut als nur auf fußballerische Qualitäten. Keine Frage – er ist näher dran und er wird sich die Gedanken gemacht haben. Und trotzdem: Niemals hätten wir früher den pfeilschnellen Norbert H. bei Blau-Weiß aus dem Kader gestrichen, nur weil er am Vorabend ordentlich gefeiert hatte. Der Mann konnte was und das war es, was zählte.

Nun, es wäre nicht das erste Mal, dass abstruse Gedankengänge des schwäbischen Bundestrainers den Fan in den Wahnsinn treiben. Marcus schiebt gekonnt die Story mit Philip Lahm bei der letzten WM ein. Dabei dankte er nochmal dem Fußballgott, dass Mustafi sich verletzte und Jogi dadurch wirklich keine andere Wahl mehr hatte als Lahm auf den ihm bekannten Flügel zu stellen. Von dort an lief es rund und der Rest ist Geschichte.

Im Stakkato hat mir Marcus übrigens noch Alternativspieler aufgezählt, die unsere Nationalfönwelle vergessen hat. Ich bin beeindruckt. Warum ist Marcus eigentlich nicht Bundestrainer. Ich würde es gut finden.

Und was bleibt uns jetzt. Die letzten Vorbereitungsspiele haben unsere pessimistische Meinung eher noch bestärkt. Aber das ist bei der Nationalmannschaft vor großen Turnieren nicht neu. Und wenn gar nichts hilft, kommt das Zweckoptmimismus-Argument schlechthin: Wir sind eine Turniermannschaft! Was ist das überhaupt? Eine Turniermannschaft! Mich nervt das total, aber alle Verfechter dieser Theorie bekommen Rückenwind seitens der Statistik.

Von daher bleiben wir guter Dinge und freuen uns auf die WM. Jogi wird’s schon machen. Und wenn nicht: Dann haben es wieder mal alle 82 Mio. Pseudo-Bundestrainer von Anfang an besser gewusst. Ich möchte auch nicht tauschen mit Jogi und verstehe nun, warum Marcus  doch kein Bundestrainer geworden ist.

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