Mein Gott Walter!

Wir haben Stürmer, Verteidiger, Betreuer und Vereinslegenden geehrt. Aber eine wichtige Fußballerspezies blieb bisher unberührt: Der Trainer! Ein weiser alter Italiener hat einmal gesagt: „ Eine Trainer isse eine Ideote!“ Recht hat er, vor allem in den unteren Ligen der Republik. Man muss schon sehr fußballverrückt sein, um diesen Job zu übernehmen. Meist sind es ehemalige Spieler, die sonntags nicht ohne Ball auskommen. Oder die mit den kaputten Knien, die selber nicht mehr vor den Ball treten können. Vielfach also gute Fußballer, aber nicht immer gute Trainer. Doch es geht auch anders.

Ich hatte während meiner aktiven Zeit in der Herrenmannschaft mehr als fünf Trainer, aber einer ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Walter R. Der Begriff „fußballverrückt“ muss neu definiert werden, wenn man Walter das erste Mal in Action gesehen hat. Fußball-Wahnsinnig trifft es eher, aber das ist absolut positiv gemeint. Walter war schon rein optisch ein Hingucker und seiner Zeit voraus. Eine Mischung aus Wolfgang Thierse und einem kanadischen Holzfäller. Heute würde man ihn dank seines Gesichtspullovers einen Hipster nennen und in Berlin Mitte wäre er voll integriert. Allerdings sah man Walter am Spielfeldrand weder mit Chino-Hose noch im feinen Anzug. Schwarze Joggerhose und grauer Sweater – das war sein Standard-Outfit, und zwar immer. Ein Trend, aus dem später Gabor Kiraly hervorgeben sollte.

Dazu eine Stimme, die ihn auch zum Frontmann von Foreigner machen könnte: schrill, laut und etwas überhitzt. Das zusammen macht schon mal eine Persönlichkeit, die auffällt und anders ist. Aber der Reihe nach:

Walter stammt aus Neulangen und spielte aktiv in einer Zeit, als dieser kleine Ort im nordemsländischen Fußball mit den Ton angab. Später setzte er sich in Dörpen nieder. Die Knochen, vor allem der Rücken, waren für aktiven Sport nicht mehr zu retten, aber Walter beherrschte neben fußballerischer Erfahrung und Taktikverständnis vor allem eines: Er konnte mit Menschen umgehen und sie motivieren. Er vertrat eine Philosophie, die man heute vielleicht nur noch bei Jürgen Klopp sehen und erleben kann. Wir haben viel gelernt, gut gespielt und dabei sehr viel Spaß gehabt. Mussten wir bei Walters Vorgänger in Anlehnung an Felix Magath noch durch den Bühlsand der Hilter Berge sprinten, legte Walter mehr Wert darauf, dass nach dem Spiel auch alle bei Westhus Hermann an der Theke sitzen und ein Bier trinken. Fit waren wir trotzdem.

Er verstand es, eine echte Truppe zusammen zu stellen, gab den alten Führungsspielern wie Uwe W., Darek P. und Bogdan T. viel Freiheit und Vertrauen, motivierte aber zeitgleich die jungen Spieler und machte sie stärker.

Was Walter als Mensch charakterisiert, zeigt meiner Meinung nach sehr gut, dass er im Vergleich zu Vorgängern auf Gehalt verzichtete und immer wieder aus eigener Tasche gezahlt hat. Ganz zu schweigen davon, dass wir wie selbstverständlich jedes Jahr zu ihm nach Hause zum Essen eingeladen wurden.

So nett er aber auch war – in der Kabine konnte es aber auch sehr unangenehm werden. Lagen wir zur Halbzeit zurück und spielten schlecht, gab es ein Donnerwetter, dass die Heide wackelte. Da wurde niemand verschont. Es ging aber immer um die Sache – um den Fußball. Politik und Diplomatie waren nie Walters Ding. „Prominente“ Dörper Zuschauer wurden schon mal barsch in die Schranken verwiesen, wenn Walter die negativen Kommentare nicht passten. Auch der Schiri oder der gegnerische Trainer mussten hier und da dran glauben und wurden in hitzige Diskussionen verwickelt. Da hat sich Walter im Nachhinein immer geärgert, aber in den jeweiligen Diskussionen gingen die Pferde mit ihm durch. Er war einfach ein sehr emotionaler Trainer – mit viel Verstand, aber noch mehr Herz und Leidenschaft.

Am Ende eines Spiels war Walter mindestens genauso kaputt wie wir Spieler. Seine Frau erzählte mir mal, dass Walter in den Nächten vor den Sonntagsspielen kaum schlafen konnte und am Sonntag Morgen wie ein nervöser Tiger durch das Haus lief. Nicht auszuhalten war das, erzählte sie. Walter war einfach immer voll dabei, mit mehr als 100%.

Unvergessen, wie wir vielfach nach dem Training stundenlang in der Kabine saßen und diskutiert haben. Dabei verwies Walter immer wieder auf höheren Fußball: „Habt ihr das gesehen, am Wochenende – wie der FC Bayern gegen Gladbach in der Situation….!“ Tolle Beispiele von schönem Fußball, die teilweise auch im Kreisligafußball umgesetzt wurden.

Ich selber habe einfach sehr gerne unter Walter gespielt. Ich habe viel gelernt und viel Spaß am Fußball gehabt. Nachdem ich mich nach einigen Jahren mehr und mehr aus der 1. Herren zurückgezogen hatte, war ich doch stets ein willkommener Gast auf dem Trainingsplatz und das ein oder andere Mal hat er mich noch als 14. Mann mitgenommen.

Prägender war für mich eigentlich nur ein Trainer meiner Jugend, das war Jannes P. Aber diese Trainerpersönlichkeit wollen wir an anderer Stelle würdigen. Für heute bleiben wir bei Walter, einem Trainer mit Ecken und Kanten, der in Dörpen sehr erfolgreich war – einem echten Dörper Fußballgott!

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