Aus Liebe zum Spiel – die 3. Herren

Es liegt auf der Hand, dass in Fußball- und Vereinskreisen allzu oft über die TOP Mannschaften gesprochen und geschrieben wird, also die 1. und 2. Herren. Aus meiner Sicht kommt die 3. Herren viel zu kurz, denn 3. Herren-Fußball ist fantastisch und großartig. Aber er ist auch ganz anders. Es lohnt sich also, die 3. Herren im allgemeinen heute zu beschreiben und zu würdigen.

Die 3. Herren ist keineswegs der Gnadenhof für Athrose-geplagte Ex-Kicker. Die 3. Herren ist das Auffangbecken für alle Fußballer, bei denen der Fußball nicht oder nicht mehr das Leben bestimmt, sondern bei denen der Fußball im Lebensmodell die zweite oder dritte Geige spielt. Oft sind die Kicker in Mannschaft 3 etwas betagter und haben den Karriereknick schon hinter sich. Sie fühlen sich aber noch zu fit für die Altherren und lieben den Mannschaftssport. Da kommt die 3. Herren gerade recht. Hier sind der Druck und der Konkurrenzkampf nicht mehr so groß. Hier kann man auch mal ein Training schwänzen oder ein Spiel ausfallen lassen, wenn man zusammen mit den Nachbarn am Vorabend noch die Königsscheibe des letzten Schützenfestes aufhängen muss. In der 3. Herren geht das, denn die Prioritäten sind anders gesetzt. Viele Kicker haben schon Familie oder andere Verpflichtungen, die sich mit Fußball ab der Bezirksliga nicht so einfach vereinbaren lassen. Wenn also Schwiegermuttergeburtstag über Samtgemeinde-Derby steht,  freut das natürlich die Ehefrau und ich bin schon geneigt zu sagen, die 3. Herren ist der Nährboden, auf dem goldene Hochzeiten gedeihen. Wäre da nicht die dritte Halbzeit, die in der 3. Herren oftmals sehr stark ausgeprägt ist. Selbstverständlich trifft man sich nach dem Spiel nochmal auf ein oder zwei Pils in der Vereinskneipe und diskutiert das Spiel oder den letzten Bundesligaspieltag. Das kann schon mal etwas länger dauern, so dass am Ende die Schwiegermutter vergeblich wartet. Aber das gehört eben dazu.

So schön die Flexibilität und die geringen Verpflichtungen auch sind – für den Trainer bedeutet das Stress. Viel zu oft stellt sich die Mannschaft am Wochenende von selber auf. Hauptsache, es stehen erst mal 11 Mann auf dem Platz und einer ist bereit, sich zwischen die Pfosten zu stellen. Bei sommerlichen Temperaturen wünscht er sich natürlich noch den ein oder anderen Ergänzungsspieler, denn die Laktatwerte vieler 3. Herren-Spieler lassen viele Wünsche offen. Der Trainer muss also weniger Taktikfuchs und Motivator sein, er muss Organisationstalent sein und braucht einen Handyvertrag mit Flatrate. Meistens weiß er erst eine Stunde vor dem Spiel, wer wirklich am Start ist oder er muss aus der Not am Vorabend noch ein paar vergessene Kicker akquirieren, weil deren Pass zufällig in der Mappe war. Während Trainer der 1. Herren vor dem Spiel die Taktiktafel präparieren, muss der 3. Herren-Trainer noch den Platz abkreiden und schauen, ob im Auto noch ein paar fehlende Stutzen liegen. Nicht selten stellt sich der Trainer am Ende auch noch selber auf – aus Mangel an Alternativen oder aus Selbstüberschätzung.

Es lohnt sich immer, mal ein 3. Herrenspiel anzuschauen. Die Spiele sind weniger von taktischen Zwängen geprägt, vielmehr regiert König Zufall. Stockfehler und fehlende Laufwege führen zu Torchancen und vielen Treffern. Daher ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Spiel auch mal 5:4 ausgeht. Klopp-Philosophie, könnte man sagen.

Schauen wir mal auf die Spielertypen. Der Großteil der Kicker trägt schon einen anständigen Wohlstandsbauch vor sich her und hat keineswegs vor, auf dem Platz einen Marathon zu laufen. Viele verfügen noch über einen goldenen Fuß aus alten Zeiten. In der Regel findet man den technisch versierten 10er, der den Mittelkreis selten verlässt, aber immer noch die 40-m-Overath-Gedächtnisbälle über das Feld schlägt. Wichtig dabei: Pässe nur noch in den Fuß, in den Lauf macht wenig Sinn. In der Abwehr stehen die Recken, die schon früher Füße aus Eisen hatten. Auch wenn sie nicht mehr die spritzigsten sind, so schnell lassen sie keinen Stürmer vorbei. Harte Zweikämpfe sind also an der Tagesordnung. Im Sturm  steht dann oft der bullige Strafraumstürmer und der kleine Flitzer, der als einer der wenigen keine 15 Kilo in den letzten 10 Jahren drauf gepackt hat.

Nach außen hin ist das natürlich ein wenig unsexy. Wenn der neue Nachbar mit Gardemaß eines Modellathleten vom letzten Marathon erzählt, lässt das die Frauenherzen natürlich höher schlagen als die Aussage, dass es am Sonntag sicher ein schweres Spiel gegen die 3. aus dem Nachbardorf geben wird. Auch die Model-Figur ist längst dahin, aber 3. Herren-Fußball spielt man nicht, um fit zu bleiben. Dann kann man ja gleich ins Fitnessstudio gehen. 3. Herren ist mehr als das. 3. Herren ist Lebensgefühl. Es ist Teamgeist, Kameradschaft und Spaß. Es ist aber vor allem die Liebe am Fußball. Das gute Gefühl, auf dem Rasen zu stehen und gegen den Ball zu treten. In diesem Sinne. Hoch lebe die 3. Herren!

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